die vehemenz, mit der die digitalisierung und
ihre folgen in der gesellschaft spürbar geworden sind, hat die
vermengung von medialer inszenierung und medialer realität zu
einem der großen gesellschaftlichen themen gemacht.
dieser überschriebenen problematik, nämlich
der krise visueller authentizität, stelle ich
lediglich eine medieninstallation entgegen - ohne dabei
an versuche zu glauben, welche authentizität etwa durch verteilte, offene informationssysteme,
dogmatisches regelwerk oder gar legislativen zwang zu gewährleisten suchen.
eine mediennstallation, die, auf platos höhlengleichnis verweisend, die elementare
bildliche erfahrung - den eigenen körperschatten - als manipulierbar und unwirklich entlarvt
und somit eine grundsätzliche aussage über die perzeption medialer realität trifft. eine medieninstallation, die so heißt wie sie ist: alles lüge.
das menschliche streben zielt letztlich auf eine bereichernde
erkenntnis von wirklichkeit und wahrheit. je vollständiger die wirkliche welt der eigenen
erkenntnis erschlossen wird, desto sicherer fühlt sich der
mensch. authentizität steht in diesem erkenntnisprozess als garant für echtheit, verbrieftheit und glaubwürdigkeit,
und stiftet damit orientierungbietende verlässlichkeit.
es scheint, als habe die gesellschaft in den vergangenen jahrzehnten mehr und mehr
die ebene der authentizität zugunsten medialer inszenierung aufgegeben.
sprachliches indiz dafür ist u.a. die mit ihrer spontanen unbefangenheit in dialogen
geäußerte rhetorische bestätigungsfrage nach dem "eeecht?", die die annahme perzeptiver
unechtheit dokumentiert. auch das "ehrlich gesagt" und das "nicht wirklich" des
sprachlichen alltags verrät die unterstellung weit verbreiteter inszenierung, an
der das mediale wachsenden anteil gewinnt.
die manipulation medialer bilder zum zwecke der manipulation der öffentlichen
meinung hinsichtlich einer eigenen vorteilsnahme ist keine domäne totalitärer systeme.
zwar wurde hier die aus der antike stammende damnatio memoriae zur vollendung gebracht,
oligarchisch verwaltete demokratien aber bedienen sich nicht minder manipulationen, um
minderheitsmeinungen mehrheitsfähig zu machen. die gesellschaften dieser demokratien wähnen sich jedoch,
durch den untergang des kommunismus gar bestärkt, in einer trügerischen sicherheit, die
nur selten durch skandale durch das aufdecken solcher medialer inszenierung gestört wird. erschaudern
lassen hierbei jedoch nicht diese öffentlich gewordenen fälle, sondern vielmehr die dunkelziffer,
denen wir mit aller wahrscheinlichkeit zum opfer fallen.
das okzidentale denken hat dem schatten immer etwas
metaphorisches verliehen, immer mehr zugetraut als er physikalisch hergibt. den gesetzen
der optik zum trotz, denen die schatten nachweislich gehorchen, lässt uns sein anblick,
vielleicht durch das unfassbare, flüchtige in ihm, mit ihm etwas unwirkliches,
scheinhaftiges assoziieren. der eigene schatten hat etwas unheimliches wie vertrautes
zugleich. er bleibt dem menschen, trotz seiner herausragenden stellung als eines der ersten
von uns wahrgenommenen bilder, zeitlebens etwas dunkles, launiges und unbestimmtes.
der eigene körperschatten stellt im kindesalter eine der ersten
berührungen mit dem abbild des eigenen körpers dar und baut ein vertrauen in das bildliche auf.
der körper scheint sich in dem bild des schattens zu verdoppeln. kinder nehmen von ihrem
schatten an, dass er ein eigenleben führt, man mit ihm spielen und mit ihm als gegenüber
konkurrieren kann. sie versuchen, ihre schatten zu überlisten, und selbst erwachsene
kokettieren mit dem versuch, ihren profilschatten zu erhaschen, indem sie den kopf
rasch zur seite wenden. der schatten des körpers verbirgt als blinder,
umrisshafter spiegel körperliche details und empfindungen und suggeriert so ein
anderes schemenhaftes sein. in ihm finden wir die projektion unserer dunklen seelenzonen, die gestalt unserer inneren negativität. ihn, den eigenen
körperschatten, zu beobachten bedeutet, sich selbst distanziert und schemenhaft wahrzunehmen.
wir sind in unserem schatten selbst aktiv, sind selbst verhängnisvoller akteur.
die installation - alles lüge - arbeitet mit dem bild, das dem menschen am nächsten
ist: dem eigenen abbild im schatten. sie lässt zu, mit ihm auf vertrauter weise zu interagieren, manipuliert
ihn jedoch, verstört ihn und benutzt ihn auf diese weise als mittel zur reflexion über das eigenen
verhältnis zu jedwedem medial benutzten abbild.
die installation - alles lüge - soll den menschen entfremden von dem eigenen, in seinem schatten vorhandenen abbild. sie soll
durch den bruch des von uns lebenslang aufgebauten vertrauens in unser eigenenes bild ent-täuschen. ent-täuschen als eine befreiung
aus der täuschung heraus. sie, die installation, soll unsere perzeption bildlicher information infragestellen und somit die
ihr oft inhärente wahrnehmungsmanipulation sichtbar machen. sie soll mut machen zu misstrauen, zu fragen, alleine zu sein mit einem weltbild, dass
dem eigenen erkenntnisprozess, so unbeabsichtigt und unbewusst er auch sein mag, entspricht, statt nur zu antizipieren. statt grenzen zu ziehen
zwischen inszenierung und authentizität, zwischen realem und virtuellem, soll sie eine brücke bauen, die akzeptanz für das eigene
weltbild mehren, ermutigen, dafür einzutreten.
die installation - alles lüge - muss subtil sein, um ihr ziel zu erreichen, um zu ent-täuschen. sie muss den eigenen körperschatten
gerade in einem solchen maße zum manipulierten thema machen, dass es die aufmerksamkeit, die wir unserem eigenen körperschatten zubilligen,
gerade erreicht. sie muss in einem umfeld entstehen, das über den verdacht einer medialen installationstätte erhaben ist, um an wirkkraft
zu gewinnen und zu überzeugen. die installation darf nicht als solche wirken, sondern muss sich bescheiden in unsere lebenswelt integrieren.
die installation - alles lüge - so schlicht sie sich auch dem menschen zeigt, erfordert einen ebenso komplexen wie leider aufwendigen
aufbau. die inszenierung einer situation, in der ein erstelltes bild als das eigene schattenbild vorläufig akzeptiert wird, verlangt ein
höchstmaß an assimilierung an das reale.
die installation, die zum einen ein computergeneriertes und somit manipulierbares, dem realen körperschatten entsprechendes schattenbild wirft,
sowie den entlichtenden körper selektiv belichtet, benutzt zwei baugleiche datenprojektoren als lichtgebende sowie schattengebende objekte;
desweiteren werden zur aufnahme der menschlichen silhouette als schattenprototyp zwei infrarotscheinwerfer in kombination zweier ausschließlich für
infrarotlicht empfänglicher videocameras mit firewire output benutzt (erstere mit freundlicher unterstützung von art und com), sowie eine dritte videocamera,
die die position des menschen im installationsraum bestimmt. 2 * apple g4 1000 mhz. als software wird das von der firma cycling74 vertriebene
audio und midiauthoring programm max/msp in verbindung mit einer reihe von für dieses programm geschriebenen videomanipulationsobjekten genutzt.
insgesamt alles entgegen der erwartung garnicht scheissteuer, und den aufwand auf jeden fall wert.
der körperschatten an sich stellt keine großen anforderungen an texturierung und materialität.
seine perzeption beschränkt sich auf das phänomen der simultanität sowie auf seine perspektivische nachvollziehbarkeit,
aus dem verständnis von optischen phänomenen heraus.
der schatten des menschen in der installation soll ein generierter, da manipulierbarer sein.
ein realer, durch das licht der datenprojektoren verursachter schatten, darf im zuge dessen nicht entstehen.
also muss zum einen ein virtueller schatten, zum anderen ein reales licht auf den konturen des schattenwerfenden objektes geschaffen werden.
der schatten wird hierzu begriffen als perspektivisch verzerrte silhouette. diese silhouette wird durch die aufnahme des mit infrarotlicht
angestrahlten menschen in der installation erstellt, und zwar durch eine in der virtuellen lichtquelle (i.e. daten-projektor) sich befindenden infrarotkamera.
die kamera, die sich in bzw. auf der lichtquelle befindet, besitzt den gleichen winkel sowie die gleiche brennweite, wie ebenjene lichtquelle, welche gewährleistet,
dass die durch sie erstellte silhouette, neben der verwendung als manipulierbares schattenbild, auch als maske zur belichtung des schattengebenden objektes
dienen kann.
die verwendung von infrarotlicht und einer nur für diese wellenlänge sensiblen kamera, einer handelsüblichen webcam mit infrarotfilter,
ist keineswegs eine unötige spielerei, sondern vielmehr integraler bestandteil der arbeit. denn nur so ist es möglich, den menschen in der
installation separat freizustellen, der störenden lichtveränderung, die durch die projektion der datenbeamer entsteht, zum trotz.
die wahrnehmung des eigenen körperschattens als zu meiner person gehörend wird ganz offensichtlich, neben der besprochenen simultaneität,
von einer entsprechenden schattenskalierung bedingt, die sich wiederum aus der position des lichtes, des schattengebenden objektes (i.e. dem installationsbesucher),
sowie dem entlichteten objekt (i.e. der wand) ergibt. da licht wie entlichtetes objekt konstant, da ja fest sind, muss zur gefakten schattenprojektion lediglich die
position des schattengebenden objektes bestimmt werden.
hierzu arbeite ich mit einem bitmaptracking system (i.e. ein stück software oder programmteil), das die 2d position eines objektes im realraum anhand von 2d kameradaten in 3d koordinaten einer virtuellen szene wandelt.
da in diesem speziellen kontext die x - z koordinaten für mich relevant sind, arbeite ich mit einer über der szene angebrachten kamera. die relevanten positionsdaten des objektes im realraum sind hierbei die positionsdaten des mathematischen schwerpunktes des subjektes: des menschen in der installation.
die arbeit entstand im frühjahr 2003, als diplomarbeit an der universität der künste berlin.
sie wurde betreut durch prof. joachim sauter und fand am 17.07.03 zur öffentlichen diplompräsentation
ein erstes publikum. desweiteren hatte ich die großartige möglichkeit, alles lüge im hamburger bahnhof, berlin zu inszenieren.
die inszenierung an diesem ort wirkt dem oben formulierten gedanken der arbeit - dem flüchtigen, vergänglichen und verstörenden - entgegen; jedoch die versuchung, alles lüge in diesem kunsttempel zu sehen, war unmenschlich.
darüberhinaus ist die technische ausstattung hier unglaublich. also großen dank an den hamburger bahnhof, besonders dem mann an der tür.
an dieser stelle möchte ich das bisher gesagte durch filmmaterial etwas verdeutlichen. naja dennoch ist es am besten wenn man diese sehr körperliche erfahrung selbst macht. deshalb hier auch die termine, wenn es denn welche gibt, wo und wann alles lüge zu sehen ist. leider gibts
da aber im moment nix. aber das kann sich ja ändern. bisdahin viel spaß mit den filmen.
theberlinincident - weird germans terror on war ging der arbeit alles lüge unmittelbar voraus. inspiriert und berührt durch den stil des embedded journalism und sogennanter amateuraufnahmen wollte ich
versuchen, vollkommen autark größtmöglichen scheiss schnellstmöglich in bestmöglicher form zu produzieren und dies dann an den mann zu bringen. das ergebnis hab ich als hardcore, anthem,"cnn footage"
oder "very patriotic !!!!!!!!!!" getarnt, und auch einfach als theberlinincident.mov peer to peer vertrieben. und das war ein spaß.
als mpeg4 :
theberlinincident.mp4 | 17.5 MB (mpeg4 - groß und gut)
theberlinincident.mp4 | 6.2 MB (mpeg4 - klein und mies)
sowie als mov :
theberlinincident.mov | 27.2 MB (sorenson - groß und naja)
wie gesagt, der museale charakter dieses aufbaus konterkariert die idee des flüchtigen und verstörenden,
und dennoch wird das überraschende moment das in der manipulation des eigenen schattenbildes liegt einigermaßen
eindrucksvoll belegt. oh ja und wer will kann sogar den sourcecode der hinter der ganzen sache steckt haben.
alles was ihr tun müsst ist mir ne mail schicken.
als mpeg4 :
allesluege.mp4 | 42.9 MB (mpeg4 - groß und gut)
allesluege.mp4 | 16.8 MB (mpeg4 - klein und mies)
sowie als mov :
allesluege.mov | 82.2 MB (sorenson - groß und naja)
ich glaube 'alles lüge knocks' auf jeden fall 'our socks off'.
trotz evidenter unvollkommenheit des neuen schattens wird dieser doch als der alte, vertraute verstanden.
so wie's aussieht, will der mensch das sehen, was er kennt, oder kennt einfach nur das, was er sehen will. egal.
auf jeden fall muss es beeindruckend sein, beinahe erschütternd, nicht mehr grund seines schattens zu sein.
der schatten ist scheinbar in der tat für die meisten eine letzte bastion standhaften vertrauens
ins bild. naja und wenn eben diese bastion fällt, dann ist das halt erschütternd.
aber das ist wie mit den windpocken. das sollte jeder mal durchmachen.
ich versichere, dass alles wahr ist.
wirklich jetzt, ganz ohne scheiss.
ICH SCHWÖR.
hannes nehls
Berlin, den 20.08.2003
© 2003 hannes nehls